News-Diät – Ein Selbstexperiment

«News sind für den Geist, was Zucker für den Körper ist.» Diese Aussage hat mich gepackt. Sie hat mich veranlasst, den dazugehörigen Artikel zu lesen. Zu Ende. Zum Glück. 

 

Daraus entstanden ist ein eigenes Experiment, mein Leben gänzlich ohne News zu leben.

 

Ein Experiment, das vor 24 Monaten als Entzugstherapie begann und bis heute andauert. Ein Experiment, das aufgrund der ausschliesslich positiven Effekte definitiv zu meinem Lebensstandard wird. Ich kann mich besser konzentrieren, bin aufnahmefähiger, habe mehr Zeit und fühle mich befreiter.

 

 

News sind wie Zucker

Die Aussage stammt aus dem Artikel «Vergessen Sie die News» von Rolf Dobelli, einem Schweizer Ökonom, Philosoph und Autor. Dieser zeigt auf, wie heftig sich der Konsum von News auf unser Gehirn auswirkt und unser Verhalten beeinflusst.

 

Dabei gibt es tatsächlich viele Parallelen mit den Auswirkungen vom Zuckerkonsum auf unseren Körper.

 

Kurzfristig wirkt es süss, lecker, leicht verdaulich und selbstbelohnend. Langfristig und in grossen Mengen kann zu viel Zucker aber unseren ganzen Energiehaushalt zusammenbrechen lassen und schwerwiegende gesundheitliche Schäden auslösen.

 

Genau so verhält es sich mit den News. Wir haben das Gefühl, uns immer wieder mal ein paar Häppchen an Nachrichten zu gönnen, um nichts zu verpassen und auf dem Laufenden zu sein.

 

Ganz egal ob via Zeitung, TV, Online-Portal, App oder Social Media. Ist ja nicht so schlimm. Und geht ganz schnell. Und ausserdem lesen, schauen oder hören wir nur das, was uns interessiert.

 

Doch halt! Genau hier machen wir uns etwas vor. Um überhaupt herauszufinden, was uns interessiert, müssen wir alles konsumieren und jede Schlagzeile filtern. Wenn auch nicht immer bewusst, dann sicher unbewusst.

 

So oder so bedeutet das Arbeit für unser Gehirn, auch wenn der Grossteil an Informationen im Autopilot-Modus verarbeitet wird.

 

News haben keine Relevanz

Ein durchschnittlicher News-Empfänger konsumiert etwa 30 Kurznachrichten pro Tag. Das sind ca. 10'000 pro Jahr. Denke kurz nach: An welche News der letzten zwölf Monate kannst du dich erinnern? Sind es mehr als zwei?

 

Als ich mir damals die Frage gestellt habe, musste ich mit Schrecken feststellen, dass mir spontan nicht einmal eine Nachricht in den Sinn kam. Damit war für mich die Antwort zur persönlichen Relevanz von News bereits gegeben.

 

Wenn ich jetzt die letzten zwei Jahre zurückblicke, kann ich mich an keine Nachricht erinnern, die mir geholfen hätte, wenn ich sie gehört oder gelesen hätte. Keine einzige.

 

Und wenn sie weltbewegend und wichtig war  wenn auch nicht für mich persönlich  so habe ich von Freunden oder Kollegen eh davon erfahren. So wie zum Beispiel Donald Trumps Wahl zum amerikanischen Präsidenten.

 

Diese Neuigkeit habe ich auch ohne Zeitung, Radio oder Internet gehört. Umgehend. Hat aber das mein Leben verändert? In keinster Weise. So wie auch die Wahl von Barack Obama mein Leben nicht verändert hat, auch wenn ich persönlich diese Wahl als sinnvoller und nachhaltiger erachte.

 

Und so ein Ereignis als News zu erfahren? Absolut nicht relevant. Und so verhält es sich eben mit 99% der übrigen Kurznachrichten auch. Sie sind für das persönliche Leben schlicht nicht relevant.

 

 

Der News-Konsum wirkt sich negativ aus

News helfen in keinster Weise, das eigene Leben zu verbessern. Im Gegenteil, sie schaden. Sie verursachen Stress, bestätigen bestehende Vorurteile, schüren Ängste und lassen alles um uns immer negativer erscheinen.

 

Oder was passiert mit den Meldungen zu Anschlägen und Terror, die mittlerweile fast wöchentlich auf uns einprasseln? Bringen uns diese persönlich weiter? Helfen Sie uns in irgend einer Weise? NEIN.

 

Sie schockieren, verunsichern und machen Angst. Und auf Dauer können Sie unser Verhalten beeinflussen.

 

So, dass wir uns fragen, wo wir noch sicher sind, ob wir noch reisen sollen, wem wir noch trauen können. So, dass wir unbewusst das Gefühl haben, dass die Welt immer schlimmer und die Menschen immer grausamer werden.

 

Dabei war unsere Welt vor 200 Jahren nicht besser oder gar friedlicher. Damals wusste man einfach nichts davon, was sonst auf der Welt alles passiert. 

 

Eigentlich passieren jeden Tag viel mehr gute und positive Dinge als negative. Darüber berichtet wird aber nicht oder nur selten. Das interessiert ja auch niemanden. Die menschlichen Neugier wecken bekanntlich Horrorgeschichten und Skandale.

 

Je plakativere Schlagzeilen und schockierendere Bilder, desto besser. Das erzielt Aufmerksamkeit  und damit Quoten, Klicks und Leserzahlen. Zusätzlich angeheizt durch das Internet mit der Neartime- oder sogar Realtime-Berichterstattung. Da geht es nicht mehr um fundierte Recherche, sondern wer sich am schnellsten die meisten Klicks und User sichern kann.

 

Ausserdem gehen wir beim Newskonsum einem Irrtum auf den Leim: Dem Bestätigungsirrtum (Confirmation Bias).

 

Nachrichten, die unsere Überzeugungen bestätigen, werden unbewusst bevorzugt und mehr gelesen. Meldungen, die unserer eigenen Meinung widersprechen, werden vom Gehirn automatisch ausgeblendet.

 

Damit festigen wir unsere bestehenden Vorurteile und Theorien. Auf andere Meinungen lassen wir uns beim Newskonsum gar nicht erst ein.

 

 

Schritt 1 des Experiments: Entzug

Nun aber zu meinem Experiment. Eigentlich war alles klar. Und einfach. Wie es generell bei einem Entzug abläuft, muss man sich auch hier komplett vom Suchtmittel trennen. Das hiess, weg mit allen News!

 

Als erstes habe ich alle Newsletter abgemeldet. Alle. Dann habe ich sämtliche Newsportale wie watson oder 20min aus meiner Web-Favoritenliste entfernt. Das ging alles ohne Zittern oder Schweissausbrüche.

 

Dann waren die Apps dran. Zuerst die News-Apps, danach die Social Media Apps. Twitter, Instagram und Pinterest waren problemlos. Bei Facebook habe ich aber eine Woche benötigt, um mich mental davon zu verabschieden. Ich hatte schlicht Angst, unzählige Kontakte und damit einen Teil meines sozialen Umfelds zu verlieren.

 

Im Nachhinein betrachtet absolut lächerlich. Denn die wirklich wichtigen Kontakte sind geblieben, und sogar stärker geworden. Die übrigen waren und sind für mein jetziges Leben schlicht nicht relevant. Nur will man das jeweils nicht wahrhaben.

 

Das trügerische an Facebook ist der unbewusste Eindruck, man hätte mit allen regelmässigen Kontakt. Man ist ja immer auf dem Laufenden, wer mit wem was hat, wer heiratet, wer Kinder kriegt und wer wo in den Ferien ist. Dabei hat man sich je nachdem seit Jahren nicht mehr gehört oder gesehen.

 

So gesehen haben Medien wie Facebook oder Instagram auch ihre asozialen Seiten an sich. 

 

Zu guter letzt waren noch die klassischen Medien dran. Tageszeitungen las ich bereits damals nicht mehr, somit ein Verlust weniger.

 

Von der Sonntagszeitung habe ich mich getrennt, wenn auch erst später. Vom Radio hören habe ich mich verabschiedet und höre nur noch reine Musik ab iTunes oder Spotify. Ganz ohne News-Unterbrechung.

 

Im TV habe ich auch ganz auf Nachrichten-Sendungen wie Tagesschau oder 10vor10 verzichtet. Bis heute.

 

 

Schritt 2: Selektion

Die einzigen Medien-Apps, die ich behalten habe, sind Whatsapp, YouTube, LinkedIn und Xing. Das aus Gründen der konkreten Kommunikation, für die gezielte Recherche von Videos und aus beruflichen Gründen.

 

Mittlerweile bin ich auch bei Xing weg, da eine berufliche Plattform schlicht genügt. Und diese besuche ich mittlerweile noch ein- bis zweimal pro Woche. 

 

Eins möchte ich klarstellen: Medien sind nicht per se schlecht. Sie haben ihren Sinn und Zweck. Journalisten und Redakteure, die ihre Aufgabe ernst nehmen, verdienen meinen vollen Respekt.

 

Persönlich kritisiere ich lediglich die Berichterstattung, die mit einfachen Mitteln, mit nicht recherchierten oder kopierten Berichten und mit psychologischen Tricks nur darauf abzielt, Propaganda zu betreiben und Profit zu machen. 

 

 

Schritt 3: Erkenntnis

Was hat sich für mich verändert? Die anfängliche Unsicherheit, etwas zu verpassen oder nicht mehr mitreden zu können, ist ganz schnell gewichen. Die ersten positiven Erkenntnisse waren unmittelbar da.

 

Im Gegensatz zu einem anderen Entzug, aus eigener Erfahrung z.B. dem des Rauchens, gab es keine Erscheinungen wie schlaflose Nächte, Nervosität, Ungeduld, Reiz oder Versuchung. Auch keine Gefahr von Rückfällen.

 

Die schwierigste Zeit waren nicht die ersten drei Monate ohne News, sondern die ersten Tage, um sich wirklich von allen News-Kanälen zu trennen.

 

Den Willen habe ich nur gebraucht, um diesen Entschluss zu fassen, nicht aber, diesen Wandel durchzustehen. Ganz im Gegenteil. 

 

 

Die News-Diät macht frei

Das erste Gefühl war eine besondere Form von Freiheit, die ich plötzlich hatte. Ich war frei vom Zwang, mich ständig informieren zu müssen. Frei von den ständigen Unterbrechungen ohne persönlichen Kontext.

 

Frei von der Sucht, permanent zu prüfen, wie viele Likes und Kommentare meine Tweets und Posts haben. (Mehr zum Thema Social Media und deren Suchtpotenzial gibts auch im Beitrag «Tücken der Technologie»). 

 

Zudem hatte ich mehr Zeit. Mehr Zeit am Morgen nach dem Aufstehen. Mehr Zeit beim Start in den beruflichen Tag. Mehr Zeit durch App-lose Aufenthalte auf dem WC. Mehr Zeit am Abend.

 

Auch war ich wieder merklich aufnahmefähiger. Ich konnte mich wirklich besser auf Aufgaben oder Gespräche konzentrieren. Sowohl beruflich als auch privat. Ich konnte mir wieder mehr Sachen merken. Einfach so, ohne alles notieren zu müssen.

 

Ich habe angefangen, mich bewusster und besser zu informieren. Sei dies aus Büchern, fundiert recherchierten Berichten, via Blogs oder YouTube-Videos.

 

Ich wusste zwar nicht mehr, ob die Wirtschaft wieder kriselt, wo es einen Anschlag gegeben hat, ob Rihanna einen neuen Lover hat oder was Trump wieder weltbewegendes getweetet hat.

 

Dafür habe ich mich länger und vertiefter mit Themen beschäftigt, die mich interessieren. Und mir so mehr Wissen angeeignet. 

 

 

Mein Fazit: Ein Leben ohne News hat nur Vorteile

Und heute? Wie bereits erwähnt, bin ich dabei geblieben. Aus einer Diät ist ein Dauerzustand geworden. Ganz ohne JoJo-Effekt. Die positiven Effekte sind so überwältigend, dass ich bis heute keinen einzigen Grund sehe, zu meinem alten News-Leben zurück zu kehren.

 

Seit zwei Wochen habe ich zwar meinen Instagram-Account wieder. Dies aber, um mein Herzens-Projekt «tavita» nicht bloss der Suchmaschine zu überlassen, sondern es auch breiter zu streuen. 

 

Fakt ist: ich nehme die Welt viel positiver war. Ich habe nicht mehr das Gefühl, dass alles schlechter wird und wir uns dem Abgrund nähern.

 

Natürlich, wir haben als Menschheit einige ganz grosse Herausforderungen zu meistern. Sei dies das Klima, unser Umgang mit der Umwelt, unsere teilweise fehlende Menschlichkeit, die unnötigen Kriege, unsere Migrations- und Flüchtlingspolitik, unser fehlerhaftes Bildungssystem oder das kränkelnde Gesundheitssystem.

 

Dank der fehlenden negativen Schlagzeilen sehe ich aber sehr viel Positives, das mir Hoffnung macht.

 

Ich sehe immer mehr Menschen, die aufwachen und nicht mehr tatenlos zusehen. Menschen, die ihr Leben in die Hand nehmen und die Welt mit Worten und Taten besser machen.

 

Das inspiriert und motiviert mich, diesen newslosen Weg weiter zu gehen. So weit wie möglich. So weit wie nötig. 

 

 



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